Grossstadtmuff

Wenn ich den typischen Berliner beschreiben müsste, würde ich ihn wohl mit mürrisch, unfreundlich und selbstgefällig umschreiben. Das sind so die ersten Eigenschaften die mir gerade spontan einfallen wenn ich an den Berliner in freier Wildbahn denke. Wenn ich aber noch ein zweites Mal nachdenke, tu ich ihm damit äusserst unrecht. Ich habe das vergnügen einige Berliner und Berlinerinnen persönlich kennen zu dürfen. Extrem liebenswerte, freundliche und aufgeschlossene Menschen. Und dann denke ich da noch an mein Arbeitsumfeld wo ich auch des öfteren mit Berlinern zu tun habe. Man erkennt sie sofort. Grosses Maul, den typischen Berliner Slang, immer für Spässchen zu haben. Ich arbeite sehr gerne mit ihnen zusammen. Es versprüht so eine erfrischende Stimmung im manchmal doch recht langweiligen Alltag.

Damit habe ich also meinen typischen Berliner schonwieder zunichte gemacht. Toll. Trotzdem. Wenn ich durch die Strassen Berlins laufe, ist sicher mindestens eine Eigenschaft auf jeden Dritten zutreffend. Begonnen bei der Frau an der Supermarktkasse, bis hin zu dem Herrn mit Kravatte in der Bank. Über die äusserst “freundlichen” Busfahrer brauchen wir glaub gar nicht erst reden.

Vielleicht kommen viele auch nur mir als Schweizer etwas (zu) arrogant rüber, weil hier halt doch ein etwas anderer Umgangston herrscht. Aber bei vielen denk ich mir schon so meinen Teil dazu.

Ich möchte mich nochmal wiederholen. Nur dass mich hier keiner falsch versteht. Ich möchte niemanden beleidigen. Auf keinen Einzigen den ich persönlich kenne, trifft das auch nur annähernd zu. Ich habe noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Das sind alles nur Beobachtungen wie sie mir so auf der Strasse auffallen. Aber es fällt halt eben auf! Wenn hier jemand mit Kinderwagen am Bahnsteig steht, kannst du dir sicher sein dass sofort jemand mit anpackt und hilft den Kinderwagen in den Zug zu tragen. Und dann bist du in Berlin, wo sicher 40 Leute an einer Frau mit Einkaufstaschen und Kinderwagen vorbei laufen können, die sich die Treppe zur U-Bahn runter quält. Das kostet dich keine Minute, vorne die Räder zu packen und die Treppe runter zu laufen die man eh runter muss. Nur eines von so vielen Beispielen von denen Ihr sicher auch so einige aufzählen könntet.

Ich lege da viel Wert auf so kleine Dinge. Ich finde das wichtig, dass man nicht so ignorant und selbstgefällig durch die Weltgeschichte läuft. Umso mehr habe ich mich letzte Woche selber über mich genervt. Es war abends um etwa 22Uhr an einer S-bahnstation in Berlin. Wir stehen zu dritt rum und quatschen. Von weiter hinten kommt ein Mann daher der sichtlich an-, wahrscheinlich aber eher ziemlich BEtrunken war. Optisch machte er einen ziemlich zerlebten und verranzten Eindruck. Wahrscheinlich obdachlos. Er schwankte über den Bahnsteig. Drei Bierflaschen in der Hand. (Um es vorne weg zu nehmen. Nein, er fiel nicht auf die Gleise. Da wäre ich gesprungen.) Es klirrt. Plötzlich hatte er halt eben nur noch zwei Bierflaschen in der Hand. Die dritte lag nun in vielen vielen Scherben auf dem Bahnsteig verteilt, beachtlich nahe den Gleisen. Ich war gespannt auf seine Reaktion. Ich hatte eigentlich mit nichts anderem gerechnet als dass er alles liegen lässt und weitergeht. Falsch. Er nahm die Grossen Scherben und legte sie beiseite. Er bemühte sich sichtlich und es war in seinem Zustand wohl wirklich sehr schwer. Er schwankte immer mehr und eigentlich warteten wir alle nur darauf bis er runterfällt. Alle standen wir nur da und glotzten doof als er versuchte mit seinem Fuss die kleineren Scherben auch noch aus dem Weg zu treten. Auch da, er hatte wirklich wirklich seine Mühe damit. Von irgendwo her weiter hinten kam dann ein junger Mann der die Grossen Scherben in die Hand nahm und in den 3 Meter entfernten Mülleimer schoss, den Herren bei Seite nahm und dann die kleinen Splitter beiseite kickte. Er hatte keine 30sekunden war alles beseitigt. Der Besoffene bedankte sich WIRKLICH freundlich. Er war sichtlich dankbar. Das war der Moment wo ich mich wirklich ein wenig vor mir selber “ekelte”. Ich stand wenige Meter von dem Mann entfernt. In dem Moment habe ich eher darauf gewartet dass er auf die Gleise fällt als Ihm zu helfen. Zu sagen “wäre er runtergefallen, hätte ich Ihm sofort geholfen”, ist eigentlich nur lächerlich. Er wollte sein Missgeschick ja beseitigen, was längst nicht alle machen würden. Nicht nüchtern und schon gar nicht besoffen. Dass man solchen Personen in solchen Situationen nicht hilft ist peinlich. Für mich, und für alle die vielen anderen die ebenfalls um dieses Geschehen herum standen. Es waren nicht wenige.

Ich war etwas resigniert in dem Moment. Grossstädte machen resistent. Man verliert das Gespür für die Situation. Ein gewisser Grossstadtmuff hält Einzug. Ich werde mich auf jeden Fall wieder mächtig an der Nase nehmen, mehr wie dieser Mann zu sein der sich 30 Sekunden Zeit genommen hat um einem Anderen zu helfen der gerade nicht dazu imstande war sich selber zu helfen. Innerlich habe ich den Hut gezogen vor dieser Leistung die man eigentlich nicht als eine solche bezeichnen dürfte. Es sollte selbstverständlich sein.

Denkt doch mal drüber nach wie Ihr in dieser Situation gehandelt hättet. Vielleicht schreibt ihr es in die Kommentare. Oder ihr behaltet es für euch. Euch selber könnt ihr nicht belügen. Vielleicht achtet ihr mal etwas drauf.

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